Systemrelevant?

© Evang. Gesamtkirchengemeinde Wiblingen

Kennen Sie das Gefühl, dass die Coronakrise vieles deutlicher hervorbringt? Im Spiegel der Krise zeigte sich, wer digital, pädagogisch, gesundheitlich, sozial, finanziell, betreuungs– und bildungsmäßig usw. gut aufgestellt ist und wo es gerade da hapert. Wertigkeiten schärfen sich und wer- den zuweilen schrill betont. Das sieht man am Diskurs über Grundrechte, Chancengleichheit und Systemrelevanz. Und Kirche? Sieht man sich die Listen der systemrelevanten Berufe an, kommt Kirchliches wenn überhaupt nur ganz am Rande vor. In Berlin stehen „SeelsorgerInnen aller Konfessionen“ auf einer solchen Liste, im Bund und in Baden-Württemberg nicht. Gottesdienste wurden abgesagt, das gemeindliche Leben stillgelegt. Unter dem Eindruck, dass die Regierungen hier Leben bewahren wollten, haben die großen Kirchen konstruktiv (man könnte auch sagen „brav“) daran mitgearbeitet. Ganz im Sinne von Römer  13:  „Jedermann  sei  untertan der Obrigkeit.“ Angesichts der Pandemie leuchtete mir diese Stelle zum ersten Mal nicht nur theoretisch ein. Gleichzeitig erhoben sich Stimmen, die den Kirchen genau das vorwarfen: Es war zu hören, die Kirchen hätten versagt, seien zu still gewesen und vor dem Staat eingeknickt. Es gab Empö- rung über die Aussetzung der Gottesdienste und über den Wiederbeginn unter Auflagen. Das sei kein richtiger Gottesdienst. Man würde den Primat der Wissenschaft akzeptieren und die Politik würde Religion als Sicherheitsrisiko ansehen.
Typisch für Corona-Zeiten: hier und da ein wahrer Kern, aber unangenehm hochtönig. Als ob irgendetwas davon spektakulär sei: Die Kirche hat Gesetze befolgt, der Wissenschaft Gehör geschenkt und trotzdem ihre Arbeit gemacht. Worin liegt die Kränkung? Dass wir nicht wie vor 1918 Teil des Systems sind? Dass nicht öffentlich nach den Kirchen gerufen wird, wenn Virologen gebraucht werden? Wollen wir in diesem Sinn überhaupt „systemrelevant“ sein?
Bei allem Geklingel muss ich sagen, dass ich (bei allen aufzuarbeitenden Defiziten) stolz auf „unseren Laden“ bin: In atemberaubend kurzer Zeit wurden Online-Gottesdienste und Video-Konferenzen zustande gebracht. Es wurde intelligent Präsenz gezeigt (Balkonsingen, Gabenzäune, Kirch- turmbläser, Telefonaktionen, Kartenaktionen usw. usw.). Haupt– und ehrenamtliche Christen haben gezeigt, dass Kirche unter allen Umständen lebendig ist und die frohe Botschaft lebt. Das mag nicht für jedes System relevant sein. Für viele Menschen jedoch schon. Und für sie tun wir weiter unsere Arbeit — unter allen Umständen, mit oder ohne Virus.

 

Pfarrer Andreas Wündisch