Aussendungsgottesdienst in Dornstadt, 29. Juli 2007, Predigt - Joh. 9, 1-7

"Sehen und blind bleiben"

 

Liebe Gemeinde!

„Ich will gehen und es selber sehen“, lautet ein Sprichwort aus Tansania.  Wir gehen nach Tukuyu in Tansania, zu unserer Partnergemeinde. Mit ihr sind wir seit 1981 verbunden. Werden wir  - sehen, vielleicht?

Blind sein und sehen

Blind geboren ist der da am Weg. Objekt der Überlegungen der Jünger. Instrument einer platten Theologie. Weil er seit der Geburt blind ist, haben seine Eltern gesündigt oder er? Also seine Blindheit wohl Strafe Gottes! Eigentlich ist dieser zweite Teil der Frage: „Hat er gesündigt?“ doch eher komisch. Wenn seit der Geburt blind, wie soll er gesündigt haben?

Jesus hält sich nicht bei dieser sinnlosen Fragerei auf. Er sieht den Blindgeborenen. Er sieht den Menschen.  Er sieht ihn nicht als Diskussions-Objekt. Sondern er sagt: Nach Gottes Wille soll er sehend sein. Gott ist nicht ein strafender, sondern ein heilender Gott. Jesus weiß um seinen Auftrag, ihn zu heilen und sehend zu machen. „Ich bin das Licht der Welt,“ sagt Jesus von sich selbst. In seiner Nähe darf keiner blind bleiben. - 

b) Blindheit auf beiden Seiten

Wir sehen fern. Und da sehen wir viele Dinge, die wir eigentlich gar nicht sehen wollen: Hunger und Krankheit in Afrika, Krieg und Vertreibungen, Korruption und Bereicherung, Armut und Naturkatastrophen in Afrika. Was wir da sehen, das fassen wir zusammen: Das ist der verlorene Kontinent.

Wir sehen, wie die Hilfsgelder dorthin fließen. Wir beteiligen uns oft selbst. Wir spenden. Wir wollen  die Not lindern. Wir sehen darauf, dass es auch ankommt, für „wo am Nötigsten.“ Unsere Hilfe soll ja wirklich helfen.

 

Blind geboren – wir sehen nicht, wie wir hier in Europa an der Situation in Afrika mit schuld sind. Koloniales Erbe, ja. Aber auch das Andere:  Auf ihre Produkte aus dem land-wirtschaftlichen Bereich zum Beispiel werden hohe Einfuhrzölle von uns Europäern erhoben. Um unseren Markt zu schützen.  Unsere Landwirtschaft wird subventioniert von uns. Tomaten aus Europa werden  deshalb auf dem afrikanischen Markt billiger angeboten als die eigenen afrikanischen Tomaten dort. Das gleiche gilt für Textilien: Fertigprodukte „nein“ aus Afrika,  rohe Baumwolle ja. Damit alles hier bei uns verarbeitet wird. Aber die Verarbeitung würde Arbeitsplätze dort in Afrika schaffen. Was nützen dann mildtätige Spenden, wenn die Strukturen dieses Weltmarktes ungerecht sind und in die Armut führen?

Und unsere Freunde aus Tukuyu, was wissen, was denken sie über uns, bevor sie zu uns kommen? Alle sind reich. In einer Familie gibt es viele Autos. Alte Leute müssen alleine leben, werden abgeschoben von ihren Familien. Warum können die nicht bei ihren Kindern leben? Junge Leute nehmen Drogen. Die Kirchen sind leer in Europa. Und der Geist im Gottesdienst, er reißt einfach einen nicht mit.

Aber unsere Freunde sehen nicht, wie viel Armut auch hier nach  unseren Verhältnissen herrscht. Sie wissen nichts von hohen Mieten, so dass es oft nicht möglich ist, dass drei Generationen unter einem Dach leben. Sie kennen nicht die Frustration von Arbeitslosen. Und die Überlastung oft von denen, die Arbeit haben. Die Freunde wissen nicht, wie viele Angebote hier in der Freizeit gemacht werden, auch schon am Sonntag morgen. Wie sollen da die Kirchen voll sein? Und dass der Sonntag der Familie gehört. Wie soll man da noch in den Gottesdienst gehen?

 

Sie versuchen ihre politischen und wirtschaftlichen Eliten zu kontrollieren. Sie bedauern jedoch, dass sich der Erfolg so langsam einstellt.

 

Gehen und selber sehen.

(Folie Frau Weber und Gäste)

a) Zum Sehen kommen

Am Freitag geht es los nach Tukuyu zu den Christen der Herrnhuter Brüdergemeine. Wir besuchen einander zum 11. Mal. Wir brauchen die direkte Begegnung, von Angesicht zu Angesicht. Wir möchten nicht blind bleiben. Wir möchten sehen.

Wir sind, wie gesagt,  oft füreinander blind, wir in Europa und die in Afrika.  Wir pflegen unsere Meinungen und Vorurteile. Wir lernen nicht den ganz konkreten Menschen kennen, in  seinem konkreten Alltag. Wir haben nicht die Möglichkeit, drei Monate in den Schuhen des anderen zu gehen, dass wir ihn besser verstehen.

So könnten wir an den Zuständen vorbei gehen. Und wir könnten klug über die Ursachen der Blindheit der anderen Seite diskutieren. Alles bliebe beim Alten.

Keiner hier in Dornstadt kann etwas dafür, dass er hier in Europa geboren ist.

Keiner in Tukuyu kann etwas dafür, dass er in Afrika geboren wurde. Und gerade deshalb können wir Christen, liebe Gemeinde, als Nachfolger dieses Jesus von Nazareth Licht füreinander sein und Verantwortung füreinander tragen.

Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Er belässt es nicht bei diesen Worten. Er legt Hand an. „Da er solches gesagt, spie er auf die Erde und machte einen Brei aus dem Speichel und legte Brei auf des Blinden Augen.“ Hat da jemand „iih“ gedacht? Beim Brennesselbrennen, beim Mücken- oder Bienenstich hilft da nicht die Spucke? Sie lindert  das Brennen und Jucken. Als Kinder haben wir dazu von der Mutter gehört. „Heile, heile Segen....“ . Jesus kommt dem Blindgeborenen ganz nahe. Er berührt ihn. Er streicht ihm den Brei auf die Augen. „Heile, heile Segen...“

b)      Seh-Stationen in Tukuyu

„Wir wollen gehen und es selber sehen.“ Fernsehen und Medien reichen nicht aus, die Würde unserer Partnerinnen und Freunde in Tukuyu zu entdecken. Wir werden zusammen mit den Freunden sein. Wir werden miteinander Bibeltexte lesen. Wir werden sprechen über unsere Gesundheitssysteme, über Jugend und Kirche. Wir diskutieren gemeinsam über Wirtschaftsfragen. Heute in 14 Tagen werde ich im Gottesdienst die Predigt halten. Die Freunde haben mir den Predigttext zugesandt, Lukas 12, 32 – 40. In unserem Kirchengemeinderat haben wir darüber nachgedacht. Vom Schatz im Himmel handelt der Text.  Vertröstung? Wir Gäste werden die Grußworte aus den Ge-meinden überbringen und kleine Geschenke, Bilder aus den Gemeinden, geben. Wir tauschen uns aus über Freundschaft, Verlobung und Hochzeit, ausgehend von den unterschiedlichen Erfahrungen. Und dann gibt es einen humorvollen Sing-Wettbewerb und einen Bibelkenntnis-Wettstreit. Jeder der Reisegruppe wird auch bei Privatfamilien wohnen. So lernen wir den Alltag kennen. Gemeinsam besuchen wir Quellen und Wasserfälle. Wir steigen zu Kraterseen hinauf, zu heiligen Orten ihrer Ahnen.  Wir sind eingeladen von Gruppen und Kreisen. Und wir bringen den Schul- und Kinderkirch-Kindern in Tukuyu die selbstgemalten Bilder und  selbst angefertigten kleinen Bücher der Grundschulkinder aus Dornstadt und Donaustetten mit. „Unser Alltag, was ich gerne mache...“ war das Thema. So lernen die Kinder sich einander auf diesem Weg, wenigstens ein bisschen kennen. Damit sie später einmal sich aufmachen. „Wir wollen gehen und es selber sehen.“

c) Wir alle sind gesandt

Jesus sagt dem, der da den Brei auf den Augen hat: „Geh‘ zum Teich Siloah, das  heißt „gesandt“, und wasche dich. Da ging  er hin und wusch sich und kam sehend.“

„Gesandt“ – steht das für Jesus, er der Gesandte. Oder steht das für den, der da sehend vom Teich weggeht und nun auch gesandt ist, Lichtträger für die Welt zu sein?

 

Ich neige beiden Möglichkeiten der Deutung zu. Jesus, der Gesandte Gottes, das Licht der Welt, sendet uns Blinde, damit wir Gesandte werden, die  sein Licht in unsere Welt tragen.

Stationen auf diesem Weg haben wir vor langer Zeit einmal miteinander aufgeschrieben.

1.      Begegnungen durch Gemeinde- und Privatkontakte prägen unsere Partnerschaftsbeziehung

2.      Unterschiede der Geschichte, der Kultur, der Sprache können als gegenseitige Bereicherung erfahren werden.

3.      Wir lernen voneinander, indem wir am geistlichen und alltäglichen Leben des anderen teilnehmen und Freud und Leid miteinander teilen.

4.      Partnerschaftlich können wir nur dann einander  gerecht werden, wenn wir Abhängigkeiten vermeiden und die Partner in ihrer Würde respektieren.

5.      Wir möchten am Frieden und an der Gerechtigkeit in unserer Welt nach unseren Kräften mitwirken. Wir möchten die Schöpfung bewahren.

6.      Im Fürbittegebet sind wir immer miteinander ver-bunden.

 

So gehen wir, um selber zu sehen.

Denn „Berge treffen einander nicht, aber Menschen.“

In unserer Menschlichkeit sind wir Licht füreinander.

 

Amen