Mittwoch, 8. August 2007 - Tazara und Ankunft

Die Nacht im Zug war wohl ziemlich unterschiedlich – ziemlich unruhig und schlaflos bei den einen, manch anderer hat nicht nur die Nacht, sondern auch den halben Tag seelenruhig verschlafen. Ich selber gehörte eher der ersteren Sorte an. Trotzdem stehe ich gut gelaunt kurz nach sechs auf und schaue neugierig aus dem Fenster. Gegen 06.30 Uhr hält der Zug längere Zeit. Draußen stehen Kinder. Es scheint kalt zu sein, sie halten ihre Arme wärmend um ihre Körper, man sieht in der kühlen Morgenluft ihren Atem. Dennoch sind alle barfuss. Eckhart holt die Handpuppe und spielt den Kindern damit etwas vor. Anfangs sind sie etwas skeptisch, dann lachen sie und strahlen übers ganze Gesicht. Nach und nach gehen die Kinder, nur noch ein Junge ist am Zug. Birgit gibt ihm ein Bonbon. Da sind die anderen schnell wieder da. Der Junge bricht das Bonbon durch, steckt sich einen Teil in den Mund und gibt das andere Stück einem anderen Kind.

Dann kommt Sweetness, die Zugbegleiterin. Sie nimmt die Bestellung fürs Frühstück auf. Es gibt Brot mit Ei und Wurst, dazu Tee. Besonders der Tee schmeckt sehr lecker, Schwarztee mit Marsala aus Zanzibar – für meinen Geschmack aber viel zu süß...

Die Zeit während der Zugfahrt vertreiben wir uns mit Landschaft anschauen, Karten spielen, Quatschen, Lesen, Stricken,... Mehrmals im Lauf des Tages kommt jemand und kehrt im ganzen Zug und den Abteilen den Boden.

Am Nachmittag unterhalten wir uns mit Sweetness, der Zugbegleiterin. Sie ist im Dienst, bis die TAZARA in Sambia ist, übermorgen geht’s dann für sie von Sambia zurück. Sie mag ihre Arbeit als Zugbegleiterin, obwohl ihre Arbeit schwer mit der Familie zu vereinbaren ist. Sie hat eine sechsjährige Tochter, die von den Großeltern betreut wird, während sie mit dem Zug unterwegs ist.

So gegen 15.15 Uhr kommen wir in Mbeya an. Vor dem Bahnhofsgebäude wartet Sam Mwandemele mit vier anderen, um uns abzuholen. Sie kommen uns schon entgegen und nehmen uns unser Gepäck ab. Dann steigen wir ein und los geht die Fahrt im klapprigen Kleinbus. Das letzte Stück zur Rungwe Mission Station werden wir auf einem holprigen Weg ziemlich durchgerüttelt. Endlich dort angekommen empfängt uns Francis Swebe, den wir vom Gottesdienst in Dar Es Salaam schon kennen. Er gibt uns Informationen über die Geschichte der Missionsstation und zeigt uns den Glockenturm, der am Platz der ersten Missionsstation steht. Dann gibt’s Essen. Die Frauen haben ordentlich für uns aufgetischt: Pilaw, Erbsen-Karotten-Gemüse, Krautsalat und Fleisch, dazu klebrig-süße Kirsch-Mirinda. Gut dass es auch für jeden eine Wasserflasche gibt, da kann man das Zuckerwasser verdünnen. Nach dem Essen werden wir noch Mr. Swebes Frau vorgestellt, dann geht’s weiter nach Tukuyu. Dort sind wir kaum aus dem Auto ausgestiegen, stürmt eine Menschenmenge freudig jubelnd auf uns zu, der Rucksack wird mir förmlich vom Rücken gerissen, Menschen umarmen mich, alle scheinen sich riesig zu freuen, dass wir da sind. Ein so ergreifender Empfang, obwohl alle sicher eine kleine Ewigkeit auf uns warten mussten. Da kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten  vor Rührung.

Als jeder jeden umarmt hat geht’s zum Empfang im Gemeinschaftsraum. Dort werden wir offiziell von Pfarrer Mwakifuna begrüßt und vorgestellt. Einige Gastgeber sind da und kommen nach den offiziellen Grußworten zu uns. Mein Gastgeber heißt Nimrod Kiporoza. Wir unterhalten uns eine ganze Weile. Nach dem Gespräch weiß ich, dass ich mich auf die Zeit in der Familie so richtig freuen kann und ich meine Sorge, was mich da erwartet und ob man sich überhaupt was zu sagen hat, über Bord werfen kann.

Nach dem offiziellen Empfang beziehen wir unsere Zimmer im Gästehaus. Es gibt zwei 2 – Bett – Zimmer mit Bad, ein 2 – Bett – Zimmer und ein 1 – Bett – Zimmer ohne Bad. In den Bädern sind zwar alle sanitären Vorrichtungen vorhanden, aber es gibt kein fließend Wasser. Es steht jeweils ein Eimer mit Wasser im Bad.

Nachdem alle Gepäckstücke auf die Zimmer verteilt sind, sind wir wieder zum Essen eingeladen. Und auch hier haben die Frauen fleißig gekocht: Reis, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Krautsalat. Während und nach dem Essen unterhalten wir uns noch eine ganze Weile mit den Jugendlichen aus Tukuyu. Dabei fällt mir die Herzlichkeit, Offenheit und Wärme der Menschen auf. Ich bemerke auch, dass die Frauen sehr zurückhaltend sind und eher im Hintergrund agieren. Fragen werden nur mit Ja oder Nein beantwortet. In den nächsten Tagen erst stellt sich heraus, dass die meisten Frauen kaum englisch verstehen.

Inzwischen ist es spät geworden, sodass wir in unsere Zimmer zum Schlafen gehen. Dass das Gästehaus unsretwegen die ganze Nacht bewacht wird und eine Eisentür mit Vorhängeschloss den Eingang fast undurchdringlich macht, ist ein komisches Gefühl.

 

Reinhild Memic