Sonntag, 19. August: "Matema Nyassa-See, Hintergrundinformationen, Trauerbesuch bei Ellen und Sam Mwandemele"

Gespräch am Frühstück in Matema mit Fahrer Mwakalinga: 3 Kinder der verstorbenen Geschwister und deren Frauen müssen mit aufgezogen werden: Nahrung, Schule, Kleidung. Es gibt eine Hilfe, meist von den Großeltern. In jeder Klasse, in jeder Schulart gibt es Waisen. Die Kirche engagiert sich. Auch die Tukuyu Akina Mama Gruppe. Das wird morgen in der Kirche gezeigt bei der Begegnungen mit den Waisen - Komittes und den Waisenkindern.

Medizinische und politsche Fragen: (Mwakalinga)

"Viele können sich eine Behandlung, Aids-Krankheiten, nicht leisten:

1. Beim Arzt sind erst einmal TSH 10 000.- zu entrichten, um sich einzuschreiben, dass man untersucht werden möchte.

2. Nach der Untersuchung wird empfohlen, zur Apotheke zu gehen, die dem entsprechenden Arzt gehört, um hier die verschriebenen Medikamente zu holen. Ergebnis: Diese Medizin gibt es nicht. Vorher wird jedoch gezahlt, dass überhaupt nach der Medizin gesucht wird. Und dann man möge zur anderen Apotheke gehen.

3. Auch diese Apotheke gehört dem Arzt oder jemandem aus der Familie. Das gleiche Spiel...

4. Am Ende hat man viel Geld verloren und keine medizinische Behandlung bekommen

5. Die Großen gehen mit den Kindern oder für eigene Interessen nach Malawi, Kenia, Europa zur Behandlung.

6. Warum ändert das die Politik nicht? CCM - Chama cha Mapinduzi - Partei der Revolution ist die absolut stärkste Partei, sie beherrscht alles. Es gibt nach den Wahlen jeweils keinerlei Notwendigkeit, mit kleineren Parteien zu koalieren. Mit solchen Koalitionen zwischen den kleineren Parteien könnte Druck gemacht werden, aber die CCM ist immer haushoch überlegen. Im Parlament gibt es keine offenen Worte - das wäre Tabu-Bruch. Historisch haben die Wakubwa - die Großen - die Entscheidungsträger das Sagen, in Familie (Individuellem Bereich) und in Wirtschaft und Politik (Gesellschaftlicher Bereich). Die von unten erzählen sich die Leidgeschichten ohne Aussichten auf Perspektiven für sich selbst.

 

Demokratische Prozesse, transparente Entscheidungen, offene Kritik, all das ist hier noch nicht angekommen." (Gesprächsende mit Mwakalinga)

               In der Nähe von Matema gibt es eine Schule, in der besonders Waisen (300) von der Regierung, ab Form 1 (1. Sekundarschulklasse) unterstützt werden. TSH 20000.- müssen hier von Privat finanziert werden, der Rest wird von der Regierung übernommen. Schulkosten bei Sekundarschalen staatlicher Art TSH 80 000.- - 120 000.- und in Privatschulen  TSH 800 000.- ca.

 

Die Wellen im Nyassa-See sind lebensgefährlich! Ikimpendeza Mungu - "wenn es Gott gefällt" geschieht Rettung.

 

Wir fahren "heim" nach Tukuyu. Verteilung der mitgebrachten Sachen: Lineale, Schreibblöcke, Farben, Terminplaner... für die Privatfamilien.

 

Kondolenz - Besuch (Eckhart Hauff und Emmanuel Mwakifuna) bei Sam und Ellen Mwandemele wegen des plötzlich verstorbenen Sohnes in Lindi, der bei der Polizei war. Ellen im Zimmer, umgeben von Frauen, die singen und beten. Ich drücke mein Beileid aus und das der Gruppe, sage ein paar Worte. Gott ist die Liebe, Mungu ni pendo...- Lied folgt. Immer wieder kommen Frauen in kleinen Gruppen und bringen Brennholz, Bohnen Zucker und andere wichtige Lebensmittel, um der trauernden Familie zu helfen. Die drei Geschwister, das vaterlos gewordene Kind werden mir vorgestellt - was ist mit den Emotionen?....Der Schleier wieder einmal über den afrikanischen Binnenbeziehung wird nicht gelüftet. Die Männer sind am Feuer vor der Tür, heißer Tee wird gereicht, man unterhält sich, meine nachgehenden Fragen über den Verstorbenen werden nur kurz beantwortet, dann gehen die Gespräche weiter, auch Sam Mwandemele, der Vater, nimmt teil am Gespräch über Autos und Nachbarn. Pfarrer Mwakifuna lacht viel...wie steht es mit der Emotionalität? Wieder bleibt vieles unverständlich. Sam sagt, dass die Gästegruppe ihm fehlt. Nun muss gewartet werden, bis die Leiche seines Sohnes von Lindi, südlich von Dar, über Tukuyu nach Kyela transportiert wird. Sie wird am Montag erwartet. Gegen späten Nachmittag wird am Montag dann die Bestattung sein.

 

Abends noch mit Pfr. Mwakifuna ein Gespräch über das Schulsystem und soziale Fragen:

·         Nach der 7. Klasse Grundschule gibt es eine Prüfung; Schüler mit geringerer Punktzahl können in Privatschulen (TSH 800 000.- /Jahr = € 470.-), Schüler mit höherer Punktzahl kommen in staatliche Schulen (TSH 80 000.-/Jahr = € 47.-). Jedoch schließen die Privat-Schüler dann besser beim Abi ab als die staatlichen Schüler. Viele Lehrer wollen von staatlichen Schulen in Privatschalen wechseln, weil eben der Lohn dort höher ist. Ihr Einsatz ist auch engagierter für die Schüler in Privatschulen, deshalb besseres Abi, besserer Plazierungen für Uni.

·         Noch einmal Waisenfragen: Die vielen Kinder, die auf Bahnhöfen, Busstationen, in Auto-Staus der Großstädte Dinge verkaufen, sind Waisen, damit sie sich das Geld aufbessern

 

Persönliche Bemerkung: Emotional sind viele Dinge sehr schwer auszuhalten: Für mich läuft es immer wieder auf die Frage hinaus, wie solidarisch ist untereinander diese Gesellschaft, die nachsozialistisch  nun einer wirtschaftlich orientierten Globalisierung gegenübersteht, in sie hineingesogen wird. Das freie Spiel der Kräfte auf dem Global-Markt ist Ideologie: Subventionen bei uns, hohe Einfuhrzölle gegen den afrikanischen Markt. Dazu die Spiele der Reichen auch in dieser Gesellschaft, wo die "unten" sich zynisch und schicksalsergeben Geschichten von Ungerechtigkeit erzählen, die abzustellen und konzeptionell zu verändern sie wegen dieser Art der "Demokratie" nicht in der Lage sind. Die kompensierten Enttäuschungen derer von unten gegenüber den Großen, die ihr Spiel mit ihnen treiben,  brechen hier und da auf: Auch unser Busfahrer Mwakalinga scheucht in hohem Tempo Hühner, Fahrradfahrer und Fußgänger von "seinem" Weg, "seiner" Straße.

          Eckhart Hauff