Mittwoch, 15.August: "Eindrücke im Privatquartier, Krankenpflegeschule, Krankenhaus-Besuch, Gastfreundschaft, Küchen-Kooperation"

 

Die erste Nacht in der Gastfamilie hab ich sehr gut geschlafen. Ich frühstücke mit Josefa, Nimrod ist schon zur Arbeit gegangen. Die Verständigung ist zwar nicht ganz einfach, aber wenigstens ein bisschen small-talk ist möglich. Josefa begleitet mich noch zur Kirche, wo wir uns eigentlich um 09.00 Uhr treffen wollten. Aber wir machen die Erfahrung, dass zeitliche Verabredungen nicht immer ganz pünktlich eingehalten werden. Edelgard hatte auf dem Weg einen Stop im Stoffladen und einen bei der Schneiderin, die sie vermessen hat. Auch Birgit hatte bereits Hektik. Ihre Gastgeberin hat sie schon um 07.00 Uhr in die Kirche mitgenommen, dann gab’s um 08.30 Uhr Frühstück. Aber irgendwann waren alle da, und wir machten uns auf den Weg zum Tukuyu Nurses Training Center, der Krankenpflegeschule. Rehema Kwawa begrüßt uns. Sie ist Lehrerin an dieser Schule. Mit Ellen Mwandemele informiert sie uns über die Krankenpflegeschule:

Die Krankenpflegeschule ist dem Gesundheitsministerium Dar es Salaam unterstellt. Insgesamt gibt es 5 Lehrer, was aber für die 82 Schüler zu wenig ist. Die Ausbildung zur Krankenschwester dauert 3 Jahre. Voraussetzung ist die abgeschlossene form four der secondary school, d.h. die abgeschlossene 11. Klasse, was dem Realschulabschluss in Deutschland entspricht. Zur Ausbildung können sich auch Mitarbeiter aus anderen Bereichen des Krankenhauses bewerben, die nicht den notwendigen Schulabschluss haben, z.B. Reinigungskräfte o.ä. Alle müssen eine Aufnahmeprüfung bestehen, damit sie  zur Ausbildung zugelassen werden. In der Aufnahmeprüfung werden Kenntnisse in den Fächern Biologie, Chemie, Physik und Englisch getestet. Kosten für die Ausbildung entstehen nicht direkt. Die Schüler müssen lediglich für Unterkunft und Verpflegung aufkommen. Die Kosten dafür belaufen sich auf 200 € jährlich. Wenn Schüler das nicht bezahlen können, übernimmt evtl. der Arbeitgeber die Kosten, falls die betreffende Person schon im Krankenhaus gearbeitet hat.

Die Ausbildung hat sich inhaltlich in letzter Zeit ziemlich verändert. Auch dauert die Ausbildung jetzt nicht mehr zwei Jahre wie früher, sondern drei. Hierdurch gibt es Probleme bei der Raumbelegung, es sind zu wenig Klassenräume vorhanden. Deshalb wurde vor kurzem mit einem Neubau begonnen. Dieser wird finanziert durch Spenden von der Regierung und aus dem Ausland.

Am Anfang der Ausbildung müssen die Schüler 2 Monate den Unterricht besuchen. Danach beginnt das Praktikum. Während dieser Zeit lernen die Auszubildenden 3 Tage pro Woche auf den Stationen im Krankenhaus, 2 Tage besuchen sie die Schule. Zur Ausbildung gehört außerdem eine zweimonatige Tätigkeit, die der Sozialstation in Deutschland ähnelt.

 

 

 

Im ersten Jahr der Ausbildung stehen die wissenschaftlichen Fächer wie Pharmakologie, Mikrobiologie, Chemie im Vordergrund. Im zweiten Jahr liegt der Schwerpunkt bei Fächern, die direkt mit der Krankenpflege zu tun haben, z.B. die Anatomie.

Spezialisierungen der Krankenschwestern, z.B. als Hebamme oder Tutor, sind erst nach der dreijährigen Ausbildung möglich.

Einmal im Monat findet ein Treffen aller Schüler und Lehrer zur Reflexion statt.

Eine ausgelernte Krankenschwester verdient sehr wenig (200 000 TS im Monat, das entspricht ungefähr 120 €). Weil sie für die gleiche Arbeit im Ausland mehr verdienen, gehen viele Schwestern und auch Ärzte nach Botswana oder Südafrika.

Wir fragen, wie akzeptiert die Medizin bei der Bevölkerung ist, auch im Hinblick auf Naturreligionen und den Umgang mit psychischen Krankheiten. Ellen erzählt, dass Menschen mit psychischen Krankheiten wohl z.T. noch als verhext gelten. Wenn die Kranken aber in der Klinik geheilt werden, wird nicht mehr an eine Verhexung geglaubt.

 

Nächste Station ist bei Mr. Solphen Njeleka in der Krankenhausverwaltung. Er berichtet, dass  es in Tukuyu noch zwei weitere Krankenhäuser gibt. Hier im Tukuyu Hospital gibt es ein breites Angebot an Behandlungsmethoden. Dies ist möglich, da vom Staat gefordert werden kann, was nötig ist. Die kirchlichen Krankenhäuser sind schlechter gestellt, weil sie immer davon abhängig sind, ob sie Gelder bekommen oder nicht. So können sie die Angestellten nur schlecht bezahlen, qualifiziertes Fachpersonal sucht sich deshalb lieber Arbeit in staatlichen Häusern (Bezahlung ist dort besser und der Arbeitsplatz ist sicherer). Das Niveau in den kirchlichen Krankenhäusern sinkt weiter.

 

Ziemlich schnell müssen wir uns verabschieden, weil wir zum Zahnarzt Dr. Hosea Mwakyusa abgeholt werden. Der berichtet, dass ein großes Problem für ihn die Beschaffung des notwendigen Materials ist. Der Zahnarzt arbeitet mit einer Helferin zusammen. Wir fragen, ob es eine Versicherung gibt, die Kosten für zahnärztliche Behandlungen übernimmt. Man kann für 10 000 TS (ca. 60€) pro Jahr eine Krankenversicherung abschließen, die die Kosten für alle ärztlichen Behandlungen übernimmt. Wer beschäftigt ist, ist automatisch versichert. Wer keine Versicherung hat, muss die Kosten für die Behandlung bar bezahlen. 500 TS müssen bezahlt werden, dass der Arzt den Patienten überhaupt nur anschaut, Zahn ziehen kostet beispielsweise 2 000 TS. Beim Zahnarzt werden Kinder bis zum 5. Lebensjahr kostenfrei behandelt.

Ein wichtiges Aufgabengebiet des Zahnarztes ist die Aufklärungsarbeit. Möglichst früh sollen Kinder den Zusammenhang zwischen Ernährung und Zahngesundheit kennen lernen. Wir erfahren bei Herrn Mwakyusa außerdem, dass ein fünfjähriges Studium notwendig ist, um Zahnarzt zu werden.

 

Nach dem Besuch beim Zahnarzt gehen wir zur Oberschwester Kibas. Sie informiert uns über alles Organisatorische des Tukuyu Gouvernement District Hospital. Dieses Krankenhaus hat 260 Mitarbeiter unterschiedlicher Berufe. Derzeit hat das Krankenhaus fünf verschiedene Bereiche (Diabetikerabteilung, Kinderklinik, Frauenklinik, Männerklinik, Zahnklinik), zwei weitere Bereiche sind im Bau.

Gearbeitet wird im Dreischichtbetrieb, sodass die Patienten rund um die Uhr betreut sind.

Medikamente, die den Patienten in der Klinik verabreicht werden, werden vom Staat bezuschusst. Für Tabletten, die sonst 2000 TS kosten, müssen in der Klinik nur 500 TS bezahlt werden.

Die Patienten werden regelmäßig von einem der Pfarrer besucht.

Eine Verpflegung mit Essen gibt es im Krankenhaus nicht. Die Verwandten der Patienten müssen Zuhause kochen und das Essen dann ins Krankenhaus bringen.

Im Krankenhaus gibt es 5 – 7 Todesfälle pro Woche. Hauptsächlich sterben Kinder. Sie werden entweder tot geboren, oder stecken sich gleich nach der Geburt mit Syphilis oder Malaria an.

 

Im Anschluss an die organisatorischen Informationen werden wir von Dr. Margret Mwakifuna durch die Kinderklinik geführt. Die Kinderklinik befindet sich in einem Raum. Darin stehen 32 Betten, jeweils immer zwei Betten stehen nebeneinander und sind durch eine halb hohe Mauer von den nächsten zwei Betten getrennt. Durch diese raumteilenden Mauern entstehen die verschiedenen „Stationen“. So befindet sich die „normale“ Kinderstation direkt neben der Intensivstation und an diese wiederum schließt sich die Station für besonders ansteckende Krankheiten.

Beim Durchlaufen fällt auf, dass kein Kind alleine hier ist. Frau Mwakifuna bestätigt, dass alle Kinder begleitet werden von ihrer Mutter, der Oma oder einer anderen Verwandten, und zwar rund um die Uhr. Die Kinder, die derzeit in der Kinderklinik liegen, sind an Malaria, Anämie, Durchfall, Knochenbruch und HIV erkrankt. Sterben Patienten, so ist bei den meisten Malaria die Todesursache. Dies liegt daran, dass viele Kinder oft schon Folgeerkrankungen haben, wenn die Malaria diagnostiziert wird.

Natürlich sehen wir auch die verlöcherten Moskitonetze über den Betten und der Geruch ist so unangenehm, dass manche aus unserer Gruppe lieber die Flucht ergreifen und draußen warten.

Jedes Jahr wird von den Mitarbeitern ein Bericht verfasst, welche Krankheiten wie oft aufgetreten sind, um über Jahre vergleichen zu können, wie sich die Situationen im Bezug auf eine bestimmte Krankheit verändert hat.

Wir erfahren weiterhin, dass das Tukuyu Gouvernement District Hospital sehr angesehen ist und einen hohen Standard hat. Sogar unter den staatlichen hebt es sich deutlich ab, weil nicht nur die medizinische Versorgung gut ist, sondern hier auch Ausbildungsmöglichkeit angeboten wird.

 

Letzte Station hier im Krankenhaus ist die Frauenklinik. Frau Dora Mlali, eine der Hebammen, führt uns herum. Im Stationsraum stehen alle Betten nebeneinander. In den ersten 7 Betten ist Platz für Sektio-Patienten, in den nächsten Betten liegen Frauen, die spontan entbunden haben. Die meisten Frauen haben Besuch, allerdings nur von weiblichen Verwandten, nur bei einer ist der Ehemann da.

Am Ende des Raumes stehen zwei Tische als L aneinander gestellt. Sie bilden das Schwesternzimmer. Dort werden Tücher und Verbände geschnitten und zusammengelegt. Der nächste Raum ist der Kreißsaal. Hier stehen insgesamt drei Liegen zum Entbinden, zwei auf der einen Seite, eine auf der anderen Seite für HIV-infizierte Frauen. Zwischen den Liegen gibt es keinerlei Sichtschutz. Hinter den Liegen steht jeweils ein Strahler, ähnlich wie wir ihn von Baustellen kennen. Ein Zimmer weiter sind Betten für Frauen, die auf die Entbindung warten.

Wir fragen, ob es viele Frauen gibt, die ihre Kinder Zuhause zur Welt bringen. Frau Mlali verneint dies, die meisten entbinden im Krankenhaus. Auf der Entbindungsstation arbeiten 7 Schwestern und 5 ungelernte Helfer. Ein fester Arzt ist dieser Station nicht zugeordnet, nur im Notfall wird einer gerufen.

Sobald eine Frau schwanger ist, wird ein Aids-Test gemacht. Außerdem sind regelmäßige Arztbesuche während der Schwangerschaft vorgesehen. Setzen die Wehen ein, werden die Frauen von ihren Männern oder von ihrer Mutter ins Krankenhaus gebracht. Im Kreißsaal sind sie aber alleine. 

 

 

Nach dieser informationsreichen Hospitation gehen wir zum Mittagessen zu Mrs. Kyoma/Fumbila. Sie freut sich sehr und bedankt sich fast überschwänglich, dass wir ihre Einladung angenommen haben und es möglich gemacht haben, zu ihr zu kommen. Sie hätte nicht erwartet, dass wir noch Zeit finden. Hier geht man offensichtlich ganz anders mit Besuchen um als in Deutschland. Empfindet man es in Deutschland häufig als Belastung, Besuch zu bekommen und ist oft auch froh, wenn man wieder seine Ruhe hat, nachdem der

 

Besuch sich verabschiedet hat, freuen sich die Gastgeber in Tansania über den Besuch. Sie fühlen sich geehrt und bedanken sich mit einer ehrlichen Herzlichkeit. Von Frau Kyoma bekommt jeder einen Korb als  Abschiedsgeschenk, damit wir nie vergessen, dass wir bei ihr zum Essen waren.

 

Am Nachmittag haben wir noch etwas freie Zeit. Im Garten des Landmark Hotels erzählen wir uns, wie die erste Zeit in der Gastfamilie erlebt wurde. Die meisten fühlen sich sehr wohl und werden von ihren Gastgebern rührend umsorgt.

 

Abends in meiner Gastfamilie darf ich Josefa beim Kochen helfen. Das Feuer im Ofen brennt schon eine ganze Weile, Josefa hat auch schon Reis und Fleisch gekocht. Zuerst darf ich die Chapatis ausrollen. Dazu hat Josefa ein Rundholz und einen Schemel. Ich stelle mich nicht gerade geschickt an und so ganz einfach ist es nicht, die Chapatis rund hinzubekommen, weil der Schemel nicht plan ist. Aber irgendwann bekomme ich heraus, wo der Schemel gerade ist und man somit den Teig schön rund ausrollen kann. Die nächste Hürde ist für mich das Umrühren des Spinats. Der Topf wackelt und droht fast umzukippen, an der Hand spüre ich die Hitze des Feuers. Josefa dreht die Halterungen, auf denen der Topf steht, zur Seite und stellt den Topf direkt in die Glut. Außerdem gibt sie mir einen Topflappen, mit dem ich den Topf festhalten kann. Trotzdem spüre ich die Gluthitze. Gut, dass der Spinat ziemlich schnell fertig ist.  Bleibt noch eine kleine Aufgabe: Das Vorbereiten der Orangen für den Nachtisch. Hierfür wird die äußere Schale mit einem Messer  abgeschnitten. Es sieht so leicht aus, wie Josefa es mir zeigt. Ganz so leicht ist es aber doch nicht: Als ich die vier Orangen fertig habe, hab ich eine Blase am Finger... So langsam kriege ich eine vage Vorstellung davon, was die Frauen geleistet haben, die uns im Gästehaus bekocht haben und warum eine Frau hier den ganzen Tag mit der Hausarbeit beschäftigt ist... Nach einem gemütlichen Essen helfe ich Josefa, das Geschirr zu spülen.

Inzwischen ist es später am Abend geworden und ich falle hundemüde ins Bett.

Reinhild Memic