So verzwickt wie dieser Kabelsalat erscheint die Situation in Kolumbien.
So verzwickt wie dieser Kabelsalat erscheint die Situation in Kolumbien.
So verzwickt wie dieser Kabelsalat erscheint die Situation in Kolumbien.
So verzwickt wie dieser Kabelsalat erscheint die Situation in Kolumbien.
Privatwege durchziehen die großen Städte.
Hinter dem Bauzaun der privaten Straße fährt ein Transporter mit Soldaten.


Wie man mit dem Oeffentlichen Nahverkehr richtig Geld machen kann

Busse in allen Farben und Formen

Busse in allen Farben und Formen


23. Juli 2007
Wir brechen frühmorgens nach Cali bei strömendem Regen auf. Auf einer privaten Straße fahren wir in die Großstadt. Die meisten Straßen hier sind privatisiert – die spanische Firma Pisa baut die Straßen und alle paar Kilometer muss man Maut zahlen.
In den großen Städten kommt  noch etwas weiteres hinzu: die Stadtverwaltung sperrt eine Spur auf den grossen Alleen und baut eine gesonderte Fahrspur für die schnellen  Busse: in Bogota heißen sie Transmillenios. Nachdem der Staat und die Kommune die Straße gebaut haben, wird sie privatisiert und an ein Unternehmen verkauft, das dann den Gewinn durch den Verkauf der teuren Fahrkarten einstreicht.
Die staatlichen und die kommunalen Stellen kommen dabei auch zu ihrem Gewinn: die Fahrspuren sind so schlecht gebaut, dass dauernd Ausbeßerungsarbeiten nötig sind. Diese Arbeiten wiederum werden von Unternehmen ausgeführt, die Verwandten der in der Verwaltung Arbeitenden gehören. So fließen die Steuermittel zum spanischen Betreiber Pisa der schnellen Busse und zu den einheimischen Bauunternehmen – Korruption a la Kolumbien. Die grünen Bauzäuhne sind auf allen wichtigen Straßen der großen Städte zu sehen.
 


Vertreter der indigenen Völker Kolumbiens auf den Straßen Calis

Auf der Fahrt in den Slum, den wir besuchen wollen suchen wir die Vertreter der indigenen Voelker Kolumbiens, die in die Provinzhauptstadt kommen um gegen die Freihandelsverträge zu demonstrieren, die die USA und kolumbianische  Regierung abschließen wollen. Es geht um die Liberalisierung des Handels und des Abbaus von Schutzzöllen und von Subventionen: aber nur für die kolumbianische Seite. Bislang steht eine Verabschiedung des Vertrags noch aus. Die Demokraten in Washington verweigern Bush die nötige Unterstützung seit immer mehr Fälle der Verwicklung der kolumbianischen Regierung in die Menschenrechtsverletzungen der Paramilitärs aufgedeckt werden.
Die von den USA angestrebte Freihandelszone in ganz Amerika bedeutet für die ländlichen Gemeinden, die Kleinbauern und die indigenen Völker, dass der kolumbianische Markt mit hochsubventionierten Lebensmitteln überschwemmt wird und die kolumbianischen Bauern nicht mehr konkurrenzfähig sind – denn  natürlich werden nur die kolumbianischen Schutzzölle und Subventionen abgebaut, nicht die US-Amerikanischen.
Nach vielen hundert Jahren Unterdrückung haben sich die indigenen Gemeinschaften und Völker inzwischen besser organisiert. Sie sind nur noch eine Minderheit im ursprünglich eigenen Land. Sie sind der Repression durch Regierung und ihrer Paramilitärs besonders ausgesetzt und werden oft in die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und der Guerrilla hineingezogen. Heute am 23. Juli sind sie wieder einmal in die Stadt aufgebrochen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.
 
 


Auf dem Weg ins Slumviertel

In Cali werden wir von German abgeholt, einem Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation, die auch in Slumvierteln arbeitet. Mit ihm fahren wir nach Siloah – Ort fuer die Menschen, die vor der Gewalt, die besonders auf dem Land ungehemmt herrscht, fliehen.
In Cali leben ca 4 Millionen Menschen, im Elendsviertel Siloah sind nach offiziellen Angaben 70 000 Menschen untergebracht. Nach Angaben von ACCR (Netzwerk für Kultur und Erziehung in Siloah) leben hier über 120 000 Menschen.
Ein bisschen mulmig ist mir schon, als wir in das Elendsviertel hinfahren: Wie gefährlich ist die Situation tatsächlich? Offizielle Stellen sprechen  davon, dass in Siloah die höchste Kriminalitätsrate von ganz Cali herrscht. Die Jugendlichen  erzählen uns, dass sie keine Anstellung bekommen, wenn sie zugeben, dass sie aus Siloah kommen: denn dann werden sie sofort mit Jugendbanden,  Gewalt  und Drogenhandel gleichgestellt.
Erstmal geht es langsam voran, denn wir fahren hinter einem Müllwagen her. Die Muellsäcke werden von den Bewohnern zu bestimmten Plätzen gebracht und von dort eingesammelt. Auf dem Müllauto wird gleich recycelt. German spricht von dem Ziel, im Elendsvierten Bioabfall zu kompostieren und damit die kleinen Gärten der Slumbewohner mit gutem Humus zu versorgen.


Garten Eden inmitten des Elendsviertels von Cali

Welche Gärten? Je weiter wir in den Slum fahren, desto mehr fallen uns die vielen Bananenstauden und die Töpfe mit Pflanzen und Kräutern auf. Inmitten der Hütten und kleinen Häusern wird für die eigene Nutzung angebaut.









 
 


Vor einer Hütte erwarten uns die Jugendlichen, die uns von ihrer Sitaution, vom Leben im Slum und von ihren Hoffnungen und Ängsten erzählen werden. Sie haben hier mit der Unterstützung von Jerman ein kleines kommunales Zentrum eingerichtet. Ich staune: Inmitten größter Armut stosse ich auf eine kleine Bibliothek: Schulbücher, Fachbücher, aber auch unterhaltende Literatur – gesammelt von den Jugendlichen, die von Hütte zu Hütte gingen und Bücher einsammelten, um damit die Bibliothek aufzubauen.
Die Jugendlichen, mit denen wir im Slum unterwegs sind, bringen uns zu Stela und Juan de Jesus. Die beiden stehen für die Bewohner,  die durch den Anbau von Nutzpflanzen, von Heilkräutern aber auch Wein und Blumen ihre Situation verbessern wollen. Ich bin beeindruckt, wie hier mitten im Slum, mitten in einer von Gewalt und Armut geprägten Situation ein kleiner Garten Eden entsteht. Man sieht es den Bewohnern an, wie stolz sie auf das Erreichte sind. Stela erzählt von den verschiedenen Kirchen und Gemeinden, die hier im Slum entstehen – oft miteinander verfeindet und voller Misstrauen untereinander. Der Kleine Garten Eden, den wir besuchen und die Kleinen Gärten Eden, die durch dies Modell von nachhaltigem Anbau im ganzen Viertel entstehen führen nicht nur zu einer größeren Ernährungssicherheit der Bewohner, sondern haben auch zu einer Annäherung zwischen den Kirchen und ihrer Mitglieder geführt. Inmitten des Slums ein beeindruckendes Beispiel des Friedens. Doña Stela träumt davon, in ihrem kleinen Anwesen  einen kleinen Bibelweg einzurichten mit Bibelstellen zum Thema Schöpfung und Schöpfungsauftrag des Menschen.
 
Die Jugendlichen, die so engagiert für ihr Viertel sind,  haben Interesse am Austausch mit Jugendlichen bei uns und sie werden uns ein kleines Projekt über 100/200 Euro  schicken, mit dem wir ihre Arbeit und den Aufbau im Viertel unterstützen können. Hoffentlich finden wir eine Gruppe Jugendlicher im Kirchenbezirk, die Interesse an einem Austausch über den Ozean hinweg haben.
 
Ralf Häußler