Versöhnungskirche Wiblingen
- der letzte Sakralbau des Münchener Architekten
  Olaf Andreas Gulbransson

Versöhnungskirche Wiblingen
- Blick von der Orgelempore
(Foto: G.-R. Ranft)

Am 14. Juli 2013 feierte die Evang. Gesamt-kirchengemeinde Wiblingen das 50-jährige Jubiläum ihrer Versöhnungskirche.

Bereits in der Festschrift zum 25-jährigen Baujubiläum wurde auf die kontroverse öffentliche Diskussion zu diesem Kirchenbau im Besonderen, und auf die Vorbehalte zum sakralen Baugeschehen der Nachkriegszeit im Allgemeinen, hingewiesen.

Diese Stimmen sind auch nach einem halben Jahrhundert nicht ganz verstummt; - so hat das dort Gesagte nach wie vor Gültigkeit:

„Die quantitativ große Aufgabe, neue Kirchen zu bauen, erfordert nach allen Erlebnissen des Krieges und der Zerstörungen eine notwendige und intensive Besinnung: Wir leben in einer l000-jährigen Tradition, der wir alle verpflichtet sind, doch die heutige Kirche muss von uns errichtet werden. Wir müssen eine Kirche von innen heraus bauen, sie soll dienen und nicht repräsentieren. Eine einfache Schönheit der Form ist zu finden, nicht äußere Pracht. Dem inneren Gefüge des Gottesdienstes, das die Gemeinsamkeit der Gläubigen bei Predigt, Abendmahl und Taufe verlangt, entspricht der eine, ungeteilte Raum. Die Bänke sollen nach Möglichkeit so angeordnet werden, wie sie die Gemeinde auf freiem Felde von selbst aufstellen würde. Darüber schützend und behütend ein großes Dach. Wenige einfache, nur die notwendigsten Elemente bestimmen den Raum aus der Liturgie. Altar, Kanzel und Taufbecken sollten aus Stein sein, der Erde verhaftet und nahe beieinander.“

 

Diese programmatischen Gedanken hat der Münchener Architekt mit norwegischen Vorfahren, Olaf Andreas Gulbransson in den wenigen Jahren seiner Schaffenszeit von 1954 bis 1962 in mehrere Kirchenbauten einfließen lassen, - die von Grainau, Schliersee und Augsburg sind besonders sehenswert.

Vor allem aber durch die Wiblinger Versöhnungskirche nimmt der, 1962 kurz vor Baubeginn tödlich verunglückte Baumeister eine herausragende Stelle im protestantischen Kirchenbau ein.

 

Nach seinen bereits erstellten Bauplänen und Vorgaben konnten seine Mitarbeiter und der hiesige bauleitende Architekt von Mahlsen das Werk vollenden.

Gulbransson hatte ein Ensemble aus drei Gebäuden vorgeschlagen.

 

Die Kirche wurde, wohl in Anlehnung an die Oktogene frühchristlicher Taufkapellen, als Sechseck im Ostteil des Grundstückes so angelegt, dass mit der lang gezogenen Hauszeile für Pfarrwohnung und Kindergarten gegen die umgebenden Straßen ein Kirchplatz entstand. Er hat sich im Ablauf der Alltage und der Festtage als Freiraum für das Gemeindeleben gut bewährt.

Wie ein Signal steht in seiner Mitte der hohe spitze Glockenturm, ein Wahrzeichen in der Wiblinger Silhouette.

 

Auch das Innere des Kirchenraumes ist für alle ein vertrauter Ort geworden, der in seiner schlichten Einfachheit jedem Eintretenden anbietet, still zu werden, zu hören und nachzudenken.

Es sind vielfältige, wohl überlegte Raumspannungen gegeben.

Drei hohe Giebel deuten die Dreieinigkeit Gottes an.

Der Süd-West- und der Nord-West-Giebel nehmen jeweils einen Eingang auf. Von hier laufen zwei Gänge durch die Kirche, unterteilen die Bankreihen in drei Abschnitte und treffen sich vor dem Altar.

 

Aus gleicher Richtung flutet Licht durch das große Südfenster auf die östliche Altarwand und erhellt den gesamten Raum. „Es werde Licht!“ – sprach Gott Vater am Anfang, bei der Schöpfung.

Von der gegenüberliegenden nördlichen Giebelwand, von der Empore erklingt die Bornefeld-Orgel und bündelt, dem Brausen des Heiligen Geistes gleich, die Andacht der versammelten Gemeinde ebenfalls auf das Zentrum des Glaubens und eines jeden Gottesdienstes: auf Jesus Christus, den Gottessohn.

 

Das Kruzifix ist gemeinsam mit dem steinernen Altartisch in der östlichen Giebelwand eingebettet. Es steht für seinen Kreuzestod. Jedoch erstrahlt das Kreuz in der Sonntags-Morgensonne, die sich in den bunten, kreuzförmig angeordneten Glasfenster bricht, in sanften, hoffnungsvollen Farben. Die Sonnenstrahlen erinnern uns unmissverständlich an den Ostermorgen und die Auferstehung Jesu von den Toten.

Architektur und Lichtführung, Klang und Farben unterstützen somit in harmonischem Zusammenspiel die Andacht der Gemeinde.

Der Sechseck-Grundriss und die hohe, weit hinunter reichende, hölzerne Dachhaube bilden einen Zentralraum.

 

In seiner Mitte steht der Taufstein, der Ort, an dem unser Dasein als Christenmensch beginnt. Der Altar und die steinerne Kanzel sind unweit davon im Ostgiebel untergebracht, und versinnbildlichen die reformatorische Einheit von Wort und Sakrament: Predigt, Abendmahl und Taufe.

Um diese Hauptelemente des evangelischen Gottesdienstes versammelt sitzt die Gemeinde in konzentrisch angeordneten Kirchenbänken. So ist Gulbranssons Versöhnungskirche in Wiblingen für die Gottesdienstteilnehmer und für den Ablauf der sonntäglichen Feier mehr als nur ein Rahmen: Sie ist ein Ort, an dem Schöpfung, Erlösung und Heiligung zu erfahren ist, ein sakraler Raum, gestaltet und betont durch die einfachsten Elemente des Bauens.

 

Die 1932 erbaute Kapelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die der Gemeinde über ein halbes Jahrhundert als Gottesdienst- und Versammlungsraum gedient hat, wurde 1998 zum Gemeindehaus umgebaut, und wird seither von der Gemeinde in seiner neuen Funktion sehr gut angenommen.

 

Weitere Daten unserer Kirche:

 

Das Altarfenster wurde von Kunstmaler DISTLER, München,
das Kruzifix von Bildhauer BAUMHAUER, Schwäbisch-Gmünd, gestaltet.

Die Orgel entwarf und plante Kirchenmusikdirektor BORNEFELD, Heidenheim.

Drei Glocken laden mit ihrem Geläut zu den Gottesdiensten ein.
Sie tragen die Inschriften:

Glocke I - „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des (Offb.2,10)

Lebens geben.“

Glocke II - „Lasset euch versöhnen mit Gott.“ (2.Kor.5,20)

Glocke III - „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe (Jes.43,1)

dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

 

Grundfläche:                     400 qm

Innenhöhe:                         15,4 m

Sitzplätze im Gestühl:       335

Sitzplätze auf der Empore: 40

Turmhöhe:                          40 m